Gmünder Tagespost, 26.10.2010

Wenn Kurzatmigkeit zur Stärke wird

Die Aphorismen des Gmünder Autors Winfried Schindler schöpfen philosophisch und literarisch aus dem Vollen

Bislang ist Winfried Schindler, Mitglied des Gmünder Autorenkreises, durch drei Gedichtbände mit minimalistischen Wortfügungen in Erscheinung getreten. Mit wenigen Worten umreißt der Dichter Gefühlslagen ebenso wie philosophische Fragestellungen. Mit "Die Illusion der Wirklichkeit / Die Wirklichkeit der Illusion" legt der Geisteswissenschaftler nun ein Bändchen mit Aphorismen vor, die tief schürfen.

Er führt das Leben eines Privatgelehrten, für den Philosophie und Literatur ein nicht abschließbares Studium darstellen. In Gmünd ist er im Autorenkreis und dessen Umfeld bekannt, eines seiner Bücher sorgte jedoch unter Altphilologen weltweit für Furore: eine von Winfried Schindler und Paul Barié übersetzte und kommentierte Ausgabe des lateinischen Dichters Martial, die in der Vorzeige-Reihe Tusculum bei Artemis und Winkler erschienen ist. Demnächst wird eine Auswahl der Epigramme in einer populärwissenschaftlichen Reihe vom gleichen Verlag herausgegeben. Die Antike ist nur eine Epoche, aus der Schindler bei seinen Aphorismen schöpft. Der Bogen spannt sich von lateinischen Dichtern und Denkern bis hin zu postmodernen Philosophen. An erster Stelle ist es Friedrich Nietzsche, ein Aphoristiker par excellence, der für Inspiration sorgt. Den 269 Aphorismen vorangestellt ist ein Essay von Paul Barié "Präzise Irritationen. Der Aphorismus als Denk-Impuls", in dem er der literarischen Form und ihren Meistern wie etwa Hippokrates, François de la Rochefoucauld oder Stanilaw Jerzy Lec nachspürt. Zugleich ist der Essay eine Einführung in die konkret vorliegenden Sentenzen: "Inhaltlich sind Winfried Schindlers Apercus minimalistische, pointierte Diskurse über Gott und die Welt, die Liebe und die Einsamkeit, und nicht zuletzt über die Spiegelungen und Facetten des Ich im verfremdenden Medium der Welt."

Der Aphorismenband umfasst zwei Teile: "Unmögliche Sprüche" und "Fragmente eines Ich-Romans". Im ersten Teil setzt sich Schindler - wie der Titel bereits mehrdeutig anklingen lässt - mit den großen Begriffen der Philosophie und Literatur auseinander: Realität, Illusion, aber auch Liebe und Tod. Vernunft, Verstand und Wahrheit stellt er in Frage: "Logik ist der Geist der Narren, die glauben, sie könnten mit sich und der Welt fertig werden." Es ist das Erzählen dem Schindler vertraut: "Im Erzählen entsteht ein Mehrwert, welcher der Wirklichkeit vorenthalten ist: Sinn". Und die Fantasie ist es, die den Geist beflügelt: "Die Fantasie führt zur Wirklichkeit, der Realismus von ihr weg." Manche Aphorismen greifen philosophische Denkgebäude auf, wie etwa Platons Höhlengleichnis. Andere stellen Gewissheiten in Frage: "Heute Nacht habe ich geträumt, dass es mich gibt. Somnio ergo sum" parodiert Schindler Descartes' "Ich denke, also bin ich". Auch die Gattung, in der er sich äußert, nimmt er unter die Lupe: "Der Aphorismus leidet an Kurzatmigkeit; das ist seine Stärke" In "Fragmente eines Ich-Romans" experimentiert der Aphoristiker mit dem literarischen Ich; alle nur denkbaren Zuschreibungen, was das Wesen des Ichs sei, stellt er in Frage: "Mein Ich ist eine Vorspiegelung falscher Tatsachen." Damit steht Schindler ganz in der Tradition der Postmoderne. Auch, indem er die großen Gefühle in Frage stellt: "Wie sehr trauere ich um den Verlust meiner großen Liebe, die ich nie kennengelernt habe." Selbst den Glauben an die Originalität des Autors wirft Schindler, ohne mit der Wimper zu zucken, über Bord: "Alles, was man sagt, schreibt und denkt, ist Zitat. Wir sind second hand only" - ein Aphorismus, der zum Widerspruch herausfordert. Oder doch nicht? Der stärkste Schluss ist der gegen sich selbst, schrieb bereits Nietzsche.

Am 26. November, 19 Uhr, stellen Winfried Schindler und Reinhard Nowak ihre Aphorismen in der Gmünder Volkshochschule vor.

Winfried Schindler, Die Illusion der Wirklichkeit / Die Wirklichkeit der Illusion, Sonnenberg Verlag, Annweiler am Trifels, 2009.

Birgit Markert



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